In der Stadt der Erzähler

22. Mai 2016

Vor Zeiten berichtete man sich von einer geheimnisvollen Stadt. Sie wurde über Jahrhunderte immer wieder gesichtet und ist doch in keiner Karte eingezeichnet. Das hatte auch einen Grund: Sie verschwand meist so schnell wie sie aufgetaucht war. Hunderte weißer Zeltdächer ragten gen Himmel. Laternen auf hohen Stangen säumten den Platz. Die Zelte jedoch standen so dicht, dass es unmöglich war, in die Stadt hineinzugelangen. Sollte es doch einmal jemandem gelungen sein, so stand er erneut vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Zwischen den Zelten führte ein Gewirr kleiner Wege hindurch. Viele endeten in Sackgassen. Kam man hinein, fand man nicht mehr heraus. Jene aber, die in der Stadt waren und wieder hinausgekommen sind – und das dauerte meist viele Mondläufe oder gar Jahre – berichteten von einer wundersamen Welt im Innern.

Der gestrige Tag war wirklich wunderbar. Tagsüber waren der Liebste und ich ganz spontan unterwegs und das Wetter war dafür genau richtig. Zwar kamen wir erst recht spät zu Hause an, doch hatten wir noch etwas vor. Denn zum letzten Mal ergab sich die Möglichkeit, die „Stadt der Erzähler“ zu besuchen. Genau wussten wir nicht, was uns erwartete, als wir gegen halb am Schloss ankamen. Am Schloss vorbei, den Laternen folgend, ging es einmal durch den Schlossgarten – bis wir sie plötzlich sahen: die 1001 Baldachine…

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Labyrinthartig angeordnet, von außen kaum etwas erkennbar. Zunächst hatten wir noch etwas Zeit, tranken noch etwas, bis wir dann hineingelassen wurden. Zwei Stunden durften wir uns dort umsehen, in der wundervollen Stadt. Sechs Geschichtenerzähler gab es, doch wir schafften es nicht, ihnen allen zuzuhören. Knapp eine Stunde lauschten wir nämlich Alef, der eine Geschichtenapotheke bekam und seine Geschichten mit den Zuhörenden teilen mochte.

Der Hodscha sitzt am Ufer des Aksehir-Sees und wirft Joghurt hinein. Ein Vorübergehender fragt erstaunt: „Was tust du denn da, Hodscha?“ „Ich setze Joghurt an“, erwidert dieser. „Wie soll denn in einem See Joghurt entstehen?“
„Ich weiß“, meint der Hodscha, „es ist unmöglich, es kann einfach nicht sein.
Aber was, wenn es doch klappt?“

Wunderbar erzählte er, wir merkten gar nicht, wie die Zeit verging. Doch schließlich wurden wir so müde, dass wir uns auf den Heimweg machten; Herz und Kopf voller Geschichten.

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Nasreddin suchte eines Abends im Schein einer Straßenlaterne den Boden vor seinem Haus ab. Ein paar Freunde kamen zufällig vorbei und fragten neugierig: „Hey, Hodscha, was suchst du da?“
„Meinen Schlüssel.“
Die Freunde beugten sich ebenfalls nieder und halfen suchen. Nach einer halben Stunde sagte einer von ihnen: „Hodscha, bist du sicher, dass du deinen Schlüssel hier draußen verloren hast?“
„Hier draußen? Nein, den Schlüssel habe ich im Haus verloren.
Aber hier ist mehr Licht.“

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