Im Wandel

7. Januar 2017

Eines vorab: Ich weiß, dass ich mich in einem wahren Luxus befinde. Ich befinde mich in einem Zustand, in dem ich so viel besitze, dass ich etwas davon wieder loswerden möchte. Das ist ein unglaubliches Privileg und es ist mir (fast) jeden Tag sehr bewusst.
Ich bin dankbar dafür, dass ich so frei über meinen Besitz entscheiden kann.

 

Angefangen hat es vielleicht mit meinem Jahresmotto. Ich dachte darüber nach, weil ich so ein Thema, das das Jahr begleitet, spannend finde – mir fiel nur bisher nie etwas ein, obwohl ich beispielsweise Ramonas Blog-Eintrag sehr inspirierend fand. Ich war der Überzeugung, das Wort müsse sich einfach ergeben, ohne, dass ich es aktiv festlege. Und dann, in den ersten Januartagen, kam mir ein Wort in den Sinn: Aufbrauchen.
Es hatte wohl damit zu tun, dass der Liebste und ich durch unseren Umzug in den Fuchsbau viel Geld ausgegeben haben und dadurch in diesem und dem nächsten Monat noch etwas kürzer treten müssen – also ist uns noch mehr als sonst daran gelegen, Lebensmittel zum Beispiel wirklich aufzubrauchen und erst neue zu kaufen, wenn nichts mehr da ist. Vorher hatten wir zwar auch stets einen Essensplan, unser Heißhunger brachte uns aber immer wieder dazu, nochmal nach der Arbeit einzukaufen und etwas anderes zu kochen. An sich ist das natürlich nicht verwerflich, doch es nervte mich, dass ich einfach nicht planen und auch nichts vorbereiten konnte – noch dazu kam es ein paar Mal vor, dass Lebensmittel verdarben und das ist etwas, das ich wirklich ganz und gar unnötig finde.
Durch unseren Umzug in den Fuchsbau haben der Liebste und ich zwar wirklich gut ausgemistet und aussortiert, dennoch sind (natürlich) einige Teile mit umgezogen, bei denen wir jetzt merken, dass wir sie gar nicht wirklich brauchen. Sie finden keinen Platz, liegen im Weg herum oder wanderten direkt hinauf auf den Speicher – brauchen wir diese Sachen also wirklich? Einige Menschen, denen ich zum Beispiel bei Instagram folge, haben sich vorgenommen, in diesem Jahr jeden Tag ein Teil auszusortieren. Das hört sich für die meisten nicht schwer an, dennoch ist man am Ende des Jahres um 365 Teile leichter, wenn man konsequent ist. Wir gingen also durch das Wohnzimmer, schauten uns um und ziemlich schnell kam doch einiges zusammen. Kleinteile, aber auch Bücher und DVDs, die wir direkt über Momox verkauft haben und die nun darauf warten, verschickt zu werden.
Minimalismus ist durchaus ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt, mit dem ich mich oft (und gerne) auseinandersetze. Warum aber kaufe ich immer wieder so viel Zeut, das ich nicht brauche, wenn ich das Gefühl, weniger zu besitzen, doch so gern mag?
Das ist eine Frage, die immer mal wieder kurz aufleuchtete, mit der ich mich aber nicht tiefgehender auseinandersetzte – vielleicht weil ich spürte, dass das ein sehr weites Feld ist.

Konsum

Dann stolperte ich gestern Abend über Franzis Artikel „Konsum als Trost und der Weg hinaus„, der genau zur richtigen Zeit aufploppte.
Sie schreibt darin viel über sich und ihre Einstellung zu diesem Thema. Besonders ihr Ausflug in die Vergangenheit hat mich berührt und zum Nachdenken gebracht. Wie war das eigentlich bei mir, wie wurde ich geprägt, wie ging man in meiner Familie mit dem Thema Konsum um?
Mein Vater beispielsweise ist sehr auf Marken fixiert und hat Liebe oft mit Geschenken gleichgesetzt. Als Kind fand ich das natürlich nicht schlimm (wer bekommt nicht gern schöne Dinge geschenkt?) und dieser Markentick hat auch nicht auf mich abgefärbt, wohl aber der Umgang mit Geld. Wenn er welches hatte (und hat), wird das ausgegeben und am Liebsten kauft er sich selbst schöne Dinge. Ich vermute, dass er sich damit belohnt, denn er arbeitet wirklich sehr viel und hart. Zeit ist rar, damit kann er sich nicht wirklich belohnen, also wird es eben ein paar Schuhe für das überstandene Meeting, ein neuer Pullover am Ende einer anstrengenden Woche. Ich kenne diese Gedanken nur zu gut und bin gerad erst in einer Phase, wo ich diese Automatismen anfange, bewusst wahrzunehmen. Ich möchte sie ändern, muss aber erst einmal schauen, woher sie überhaupt kommen, wann sie entstehen und welche Alternativen es für mich gibt.
Außerdem realisiere ich langsam, dass ich gerade meinem Leben als Studentin entwachse und tatsächlich einer Arbeit nachgehe bei der es mir möglich ist, auch mal Geld zurückzulegen und etwas zu sparen. Ich habe so lange von wenig Geld gelebt, dass ich es nicht gewöhnt bin, plötzlich (für mich) so viel zu haben. Ich neige dazu, besonders dem Liebsten und mir selbst viele Wünsche zu erfüllen, weiß aber gleichzeitig auch, dass ein finanzieller Puffer wirklich wichtig oder auch einfach eine Freude sein kann; dann nämlich, wenn es um mein Fernweh und den Wunsch nach einem Urlaub in der Ferne geht.

Capsule Wardrobe

Gleich im ersten Satz von Franzis Eintrag verweist diese auf den Blog Mehr als Grünzeug von Jenni, die darauf  über nachhaltiges und veganes Leben schreibt. Jenni hat aber nicht nur ganz fabelhafte Rezepte, die ich am liebsten alle sofort ausprobieren würde, sie setzt sich auch immer wieder kritisch mit Konsum und minimalistischem Leben auseinander. So hat sie einen wunderbaren Eintrag zu ihrer „Capsule Wardrobe“ verfasst – und an dieser Stelle zitiere ich sie mal, um kurz zu erklären, was eine Capsule Wardrobe eigentlich ist:

Hinter dem Begriff Capsule Wardrobe verbirgt sich ein Konzept, das sich – grob vereinfacht gesagt – darum dreht, einen möglichst minimalistisch-funktionalen Kleiderschrank, der perfekt auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt ist, zu erschaffen.

Ich selbst habe ja schon mehrmals temporär meinen Kleiderschrankinhalt reduziert (zuletzt zur Fastenzeit mit meiner „Klamottenkur„) und jedes Mal wieder gemerkt, wie gut mir das getan hat. Ich fühlte mich wirklich und ehrlich befreit – so ging es mir übrigens auch, während ich mit dem Liebsten für unseren Umzug in den Fuchsbau ausmistete. Morgens hatte ich keine Probleme mehr, mich für ein Outfit zu entscheiden, weil so ziemlich alles irgendwie zusammenpasste. Ich fühlte mich immer gut angezogen und hatte wirklich nur noch Teile im Schrank, die ich liebe und in denen ich mich vor allem wohlfühle. Dennoch waren diese Aktionen für mich irgendwie immer zeitlich begrenzt und hinterher mistete ich zwar nochmal gründlich aus, doch der Schrank füllte sich wieder – sei es mit „Zieh-ich-bestimmt-irgendwann-nochmal-an“-Teilen oder mit neuen Stücken.
Nach dem Umzug in den Fuchsbau fehlt momentan noch eine Gardine vor unserer Kleideraufbewahrung ( das Wort „Schrank“ passt nicht so wirklich; es ist eben eine lange Nische, in der Regalböden und zwei Kleiderstangen befestigt sind), sodass ich jeden Morgen beim Aufwachen all die Kleidungsstücke sah. Ich würde nicht behaupten, dass ich überdurchschnittlich viel Kleidung besitze, aber es kam mir trotzdem zu viel vor. Immer noch zu viele Stücke in minderer Qualität, die ich nicht anzog oder die an mir einfach nicht gut aussehen. Sicherlich half mir bei der letzten Entzcheidung für eine eigene Capsule Wardrobe dann auch, dass ich mich in den letzten Wochen vermehrt damit auseinandergesetzt habe, was ich für eine Figur habe und welche Farben eigentlich zu mir passen. Ich hatte einfach keine Lust mehr darauf, (für mich) komisch geschnittene Kleider und auftragende Röcke anzuziehen. Ich möchte mich gut fühlen und wissen, dass das, was ich trage, meinen Typ unterstreicht.
Über Jenni führte mein Weg weiter zu Tanja, die wiederum auf ihrem Blog Blattgrün ebenfalls über nachhaltiges und grünes Leben schreibt. Bei ihr gibt es einen Artikel zu Minimalismus im Kleiderschrank und auch ein erstes Resümee nach einem Jahr Capsule Wardrobe. Meine Lust, mir so eine Garderobe wieder und dieses Mal auf Dauer zuzulegen, wuchs mit jedem Satz, den ich las, also drehte ich im Schlafzimmer die Heizung auf (bei uns ist immer ein Fenster gekippt, das wäre mir dann doch zu kalt gewesen…) und während ich wartete, schaute ich noch bei Cosima vorbei, die auch eine minimalistische Garderobe ihr eigen nennt und sehr schön beschreibt, wie man die für einen selbst genau richtigen Teile zusammenstellt. Viele Tipps kannte ich schon, fühlte mich dadurch jedoch noch mehr angespornt. Dann machte ich ein Hörbuch an und widmete mich meinem Kleiderschrank und meiner Kommode.
Ich sortierte sehr zügig das aus, was nicht dazugehören sollte – und eigentlich spricht das doch schon für sich, oder? Ich wusste sofort, welche Teile ich nicht in meiner Capsule Wardrobe haben möchte, welche es „mir nicht wert sind“. Dieses Mal legte ich keine Zahl von vornherein fest, sondern zählte am Schluss durch. So komme ich nun auf 40 Teile, über die ich mich wirklich und ehrlich freue. Der Rest wanderte in eine Kiste auf den Dachboden und nun schaue ich einfach, ob mir vielleicht doch etwas davon fehlt. Sollte ich in einem halben Jahr nichts daraus angerührt haben, können die Teile wohl weg. Da vermeide ich es inzwischen auch, nochmal nachzuschauen, was eigentlich drin ist – sonst kommt gleich wieder ein „könnte ich noch gebrauchen“ und es fällt mir schwer(er), mich davon zu trennen.

Neues anhäufen

Ausmisten kann ich inzwischen wirklich gut. Ich weiß zuverlässig, was ich behalten möchte und was weg kann und versuche, meine Erinnerungen nicht mehr an zu viele Dinge zu hängen. Natürlich habe auch ich Sachen, die ich absolut nicht hergeben kann; diese schlummern in meiner Erinnerungskiste und ich kann sie jederzeit anschauen und in die Hand nehmen. Außer Babykleidung (meine ersten Schuhe, mein erster Strampler – sowas eben) sind aber interessanterweise keine Klamotten dabei.
Was mir hingegen immer wieder schwer fällt ist, nicht sofort wieder anzuhäufen. Es geht mir wie Franzi: Ich nutze Konsum unter anderem als Trost. Wenn die Woche anstrengend war, ich nicht gut drauf bin und etwas aufmunterndes brauche, möchte ich in die Stadt gehen und konsumieren. Ich belohne mich, wie eingangs beschrieben, immer wieder mit dem Konsum von Dingen – sei es ein schönes Buch, eine Zeitschrift (die ich dann aus Zeitmangel doch nicht lese) oder auch Essen. Besonders mit letzterem setze ich mich gerade ganz intensiv auseinander und da wird vieles angestoßen. Ich finde es traurig, dass ich mir nicht anders Gutes tun kann und suche inzwischen gezielt nach Alternativen, das ist aber wohl mal einen eigenen Eintrag wert.
Was meine Capsule Wardrobe angeht so gibt es ein paar Teile, nach denen ich schon lange suche und die ich mir Stück für Stück noch gönnen möchte, wenn sie mir (passend für mich) über den Weg laufen. So habe ich sieben Jahre lang nach „dem“ schwarzen Rock für mich gesucht… Nicht zu lang sollte er sein, gut sitzen, bequem sein, aus festem Stoff und weit schwingend. Immer wieder kaufte ich schwarze Röcke, die es aber eben einfach nicht waren und nach kurzer Zeit ungetragen im Schrank hingen. Doch im Dezember letzten Jahres fand ich endlich meinen Rock und bin seitdem so glücklich, ihn zu haben. Mehrmals in der Woche trage ich ihn, denn er passt einfach zu allem. Von solchen Teilen möchte ich noch ein paar, also habe ich mir eine Liste gemacht. Ich hoffe, dass mich das besser vor Spontankäufen bewahrt – dass ich jetzt weiß, was ich wirklich will. Ich werde diese Liste in mein Portemonnaie stecken und wenn mir etwas passendes über den Weg läuft, überlegen, ob es meinen Kleiderschrank bereichern darf. So komme ich irgendwann dann alles in allem auf 50 Teile in meinem minimalistischeren Kleiderschrank.
Viele Besitzer einer Capsule Wardrobe machen es so, dass sie eine gewisse Anzahl Teile pro Saison bestimmen, so wird das bei mir auch sein. Ich tausche aber nicht alle drei Monate aus, sondern alle sechs. So trage ich im Frühjahr und Sommer natürlich keine Merino-Cardigans mehr, sondern entsprechende Modelle aus Baumwolle, mit kürzeren Ärmeln. Auch die Farben verändern sich ein bisschen. Wie viele Teile es dann für das ganze Jahr sind, habe ich noch nicht genau nachgezählt, ich schätze aber, dass es nicht mehr als 70 sind (wenn ich mir die Schublade mit den Sommersachen so anschaue).

Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht und ob sich die Capsule Wardrobe bei mir auch auf Dauer bewähren und mich vor unnötigen Spontankäufen bewahren wird.
Dieser Artikel ist jetzt viel länger als erwartet geworden und ich hätte wohl noch viel mehr aufschreiben können… Franzi, Jenni, Tanja und Cosima haben bei mir wirklich einiges ausgelöst, wofür ich wirklich dankbar bin. An dieser Stelle möchte ich gern auch nochmal auf Romys Blog „Zu den Wurzeln“ verweisen, deren Beiträge mich stets inspirieren und motivieren.

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  • Franzi 8. Januar 2017 at 9:32

    Wow, wow, wow! So „schön“ zu sehen, wie viele Menschen dieses Thema so intensiv beschäftigt! Ich freu mich so auf unseren Weg, den wir gehen werden! <3

    • Waldgängerin 10. Januar 2017 at 12:52

      Vielen, vielen Dank! Ich freue mich auch schon sehr und bin so gespannt, wo dieser Weg wohl langführt. 🙂 <3

  • Tanja 8. Januar 2017 at 23:18

    Hallo, liebe Unbekannte, deren Name ich leider (noch) nicht kenne. 🙂
    Danke für die Erwähnung und den schönen, langen Artikel – Ich kann den Inhalt gut nachvollziehen. Ich habe früher prinzipiell ohne Plan, dafür nach spontaner Lust und Laune eingekauft. Am Ende waren es dann entweder zu viele Lebensmittel, die ich nie hätte aufbrauchen können, zu viel Kleidung, die in den hintersten Ecken des Kleiderschranks vor sich hinvegetierten, viel zu viel Schminke, die ich in zehn Jahren nicht hätte leer machen können oder Dekoration. Viel Dekoration. All das nimmt mit den Jahren aber sehr viel Zeit und Kraft, raubt Platz und verstaubt (oder verschimmelt). Eigentlich ist es im Nachhinein recht traurig, wenn man resümiert, wieviel Geld man für so viele nutzlose Dinge ausgegeben hat anstatt eine schöne, bereichernde Reise zu machen oder in Sinnvolles zu investieren. Andererseits muss man’s aber auch positiv sehen: Zumindest hab ich’s noch in diesem Leben erkannt und bin auf den reflektierten Zug aufgesprungen. Macht viel mehr Spass und braucht weniger Zeit sowie Nerven. 🙂 Ich hoffe, du hast ebenso noch viel Freude und Gefallen an der Einfachheit! 🙂
    Liebst,
    Tanja | http://www.blattgruen.me

    • Waldgängerin 10. Januar 2017 at 12:55

      Hallo Tanja,
      hab‘ vielen Dank für deinen langen, tollen Kommentar – über sowas freue ich mich immer sehr.
      Mich kannst du einfach Fräulein Fuchs oder Waldgängering nennen. 😉
      Genau so wie dir ging es mir auch sehr lange Zeit, nach Lust und Laune einkaufen… Das war mit der Zeit vor allem auch echt teuer, was mich neben dem Zuviel sehr gestört hat. Ich mag nicht mehr so viel arbeiten für all diese Dinge, um die ich mich dann auch noch kümmern muss. Traurig ist es definitiv, ich glaube, das war auch mit ein Punkt, der mich zum Umdenken bewegt (hat): Gerade um Weihnachten herum (auch bedingt durch den Umzug) habe ich gesehen, wie viel Geld ich ausgegeben habe. Da mich schon lange wieder das Fernweh heimsucht, war das schon bitter. Aber du hast recht: Immerhin ist es mir jetzt gelungen, mein Verhalten zu reflektieren und der Wunsch, etwas zu ändern, ist nun endlich groß genug.
      Viele liebe Grüße,
      deine Waldgängerin.