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Fundstücke

Leben

Fundstück

26. Mai 2013

…In diesem Fall fällt das heutige Fundstück wohl eher in die Kategorie (endlich) wiedergefunden.
Vor Jahren war ich einmal auf dem Geburtstag einer guten Freundin, und ihre Mutter las – zur Feier des Abends – ein Gedicht aus einem Buch vor. Im Anschluss daran blätterte ich durch dieses Buch und fand ein Gedicht, welches mir sehr gefiel. Ich schrieb es ab, las es von Zeit zu Zeit und vergaß es dann. Schließlich fiel es mir vor knapp zwei Jahren wieder ein, doch ich konnte den Zettel nicht mehr finden. Ich durchsuchte das Internet – nichts war zu finden. Schließlich stieß ich auf ein Buch, in dem es wohl behandelt werden sollte, doch dieses Buch war nicht zu bekommen. Nun bekam ich jedoch endlich den Autor heraus und ich schrieb dem Kurator des Künstlerhauses, ob ich bei ihm richtig sei. Nur einen Tag später kam seine Antwort: Das Gedicht, nach dem ich so lange gesucht hatte!
Und aus diesem Grund findet es heute einen Platz in meinem Blog.

Entdeckung Europas durch einen Indianer im Jahre 1493

Zum Beweis, daß er ihr Land beschritt,
Brachte Kolumbus einen Indianer mit.
Der wurde, sichtbar für alle Welt,
Am Marktplatz von Sevilla ausgestellt.
Da konnte er durch die Stäbe des Käfigs sehn,
Wie die weißen Götter vorübergehn,
Die Götter, die ihnen über Nacht
Eisen, Geld und Pulver ins Land gebracht.
Doch er sah nur Grölende und Bezechte,
Sah Händler, Henker und Folterknechte,
Sah Höflinge, Schergen und Gefangne,
Sieche, Zerlumpte und mit Gold Behangne,
Hörte zwischen Glockengeläut und Litanei,
Kommandos, Rutenschläge und Wehgeschrei,
Sah die Köpfe sich nach ihm drehn und neigen
Und spöttisch auf ihn, den Wilden, zeigen.
Da fühlte er, im Ohr die Schläge und Schreie,
Hinter den Gittern sich als der einzig Freie
Und sehnte sich, wieder am Feuer zu sitzen,
Vorm Zelt, und an seiner Pfeife zu schnitzen,
Dem Wind in den Gräsern und Bäumen zu lauschen,
Den Wellen des Bachs, die am Felsen rauschen.
(Jeder kennt Kolumbus, der als erster Amerika,
Keiner den Indianer, der als erster Europa sah.)

— Otto Heinrich Kühner
Leben

Fundstück

28. April 2013

Ich schlafe nicht mehr ein,
zwei Finger an deinem Handgelenk,
ist jeder Herzschlag mein,
zerbrechliches Geschenk.

Ich bleibe nicht ruhig,
aber ich kann es lernen.
Dann lass ich dich gehn irgendwann
ohne mich zu entfernen.

Ich werde mein Leben lang üben,
ich will, dass du verstehst.
Ich werde mein Leben lang üben,
dich so zu lieben,
wie ich dich lieben will,
wenn du gehst.

So lang werde ich bei dir sein,
zwei Finger an deinem Handgelenk,
fang ich all deine Stunden auf
und steck sie für dich ein.

Ich bleibe nicht ruhig,
aber ich kann es lernen.
Dann lass ich dich gehn
das letzte Stück zu den Sternen.

Ich werde mein Leben lang üben,
ich will, dass du verstehst.
Ich werde mein Leben lang üben,
dich so zu lieben,
wie ich dich lieben will,
wenn du gehst.
Ich werde mein Leben lang üben,
dich so zu lieben,
wie ich dich lieben will,
wenn du gehst.

[Wir sind Helden – Ich werde mein Leben lang üben, dich so zu lieben, wie ich dich lieben will, wenn du gehst]
Leben

Fundstück

20. April 2013

Sonnet XVII

I do not love you as if you were salt-rose, or topaz,
or the arrow of carnations the fire shoots off.
I love you as certain dark things are to be loved,
in secret, between the shadow and the soul.

I love you as the plant that never blooms
but carries in itself the light of hidden flowers;
thanks to your love a certain solid fragrance,
risen from the earth, lives darkly in my body.

I love you without knowing how, or when, or from where.
I love you straightforwardly, without complexities or pride;
so I love you because I know no other way

than this: where I does not exist, nor you,
so close that your hand on my chest is my hand,
so close that your eyes close as I fall asleep.

— Pablo Neruda
Leben

Fundstück

24. März 2013

Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
– Daß Amseln flöten und daß Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.
Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.

Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freu mich, daß ich … Daß ich mich freu.

— Mascha Kaléko
Leben

Fundstück

17. März 2013

Wir spielten ein Spiel, irgendwann gegen Morgen, und auf eine Frage antwortete ich mit roten Wangen aber dennoch relativ klar bei der Sache, ich sei ein Mensch der Vergangenheit. Mein Gegenüber hob die Augenbrauen, er habe mich anders eingeschätzt. Und ich friemelte die Füße unter die Bettdecke und nahm noch einen Schluck, während draußen die Wolken jegliches Licht fraßen und zerkauten in ihren dicken Backen. Ich glaube, Menschen der Vergangenheit friemeln ihre Füße immer unter eine Bettdecke oder ein Kissen oder unter die Oberschenkel jener, die in greifbarer Nähe sind. Ich glaube auch, Menschen der Vergangenheit brauchen einen Kissenzipfel oder schlagen die Decke beim Schlafen so um, dass die Füße in einem Sack und von jeglicher Seite geschützt sind.

(Die der Gegenwart hingegen schlafen so, dass die Füße unten aus der Decke herausgucken, seitlich ein Arm hier und da, während ich mich bis zur Nasenspitze einwickle und warte, bis der Panzer von allein abfällt irgendwann.)

Ich wäre gern irgendwann jemand, der sich hinlegt und schläft. Mit oder ohne Decke. Unter einem Baum vor den Dächern der Stadt, vielleicht sogar auf einem Dach, von den schnellen Schritten in die Horizontale mit dem Blick in Wolken und Äste und tiefes Blau, ohne jegliches Hinterfragen und Stottern zwischen Schlaf und Wach hin und her. „Hier liege ich, hier schlafe ich“. Ungeschützt und aus dem Stand heraus. Ich glaube, so schläft der, der von sich sagen würde, er sei ein Mensch der Zukunft.

[Elisabeth Rank – In a train, removing me from the past. // hier]
Leben

Fundstück

10. März 2013

„Waiting waiting waiting. I am so terrible at it. It gnaws at my insides, grows in my chest and becomes this monster that I have to extract. Between my clenched teeth, between raged breaths, in the middle of the night, so that it does not contaminate and eats at the throats of people and things around me. It poisons and scratches and burns.
I admire people and things that know how to wait. This quietness inside where there is only fury in me. It is often seen as a weakness, or passivity, to just wait. But it can be the most admirable thing of all.

I imagine that’s what Sleeping Beauty did. Wait. Not sleep really, just a metaphor for a lifetime of waiting. And how strong would one have to be? To wait and wait, alone in a castle full of ghosts, unable to leave. To go about each day, with only oneself for company, and maybe words and maybe music, but no one to speak to and no one to laugh with. Just the deep knowledge that one day things would change, the eternal patience and faith. How strong would one have to be to not lose one’s mind?
She would wait and wait. Maybe scream once in a while, through her burning throat, making sure no monster lived there to swallow her whole. And then just the soft settling of her bones, and her blood, to remember and dream and hope.
And on that day, when the prince come, she would kiss him, because he’s beautiful and he has come just for her, but really what she really wants is the world. Isn’t that why she waited so long? She would smile and say her thank you and leave him behind, because now that she had learned how to wait, she would have to learn how to move.
And really how could one learn how to move properly, if one didn’t know how to wait for the right moment to do so?

I admire them all, those precious few who can stay still long enough for the right moment. To know when life is ready for them. And when they are ready for it.“

[End of march // hier]
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Fundstück

24. Februar 2013
The
Peace of Wild Things

When despair for the world grows in me
and I wake in the night at the least sound
in fear of what my life and my children’s lives may be,
I go and lie down where the wood drake
rests in his beauty on the water, and the great heron feeds.
I come into the peace of wild things
who do not tax their lives with forethought
of grief. I come into the presence of still water.
And I feel above me the day-blind stars
waiting with their light. For a time
I rest in the grace of the world, and am free.

— Wendell Berry
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Fundstück

17. Februar 2013

Wir wollen Momente auskosten, wollen so viel davon mitnehmen wie möglich. Etwas bekommen für die Zeit, die wir spenden. Wir wollen Momente zubereiten, wie man Mahlzeiten zubereitet; kleine Snacks für Zwischendurch, ab und zu ein Festmahl. Wir wollen in Erinnerungen schwelgen, und uns kleine Andenken auf der Zunge zergehen lassen.
[…]
Man braucht Momente, in denen man sich nicht nur unbeobachtet weiß, sondern auch selbst damit aufhört, sich zu beobachten. Man braucht Momente, in denen man nach nichts anderem strebt, als sie wahrzunehmen; nicht einmal danach, sie zu speichern.

[Queen of maybe – Inside your ancient eyes // hier]
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Fundstück

10. Februar 2013

Die meisten Menschen verpassen ihr ganzes Leben, weißt du. Leben heißt nicht, auf einem Berggipfel zu stehen und den Sonnenuntergang zu beobachten. Leben heißt nicht, am Altar zu warten, oder auf den Augenblick, wenn dein Kind zur Welt kommt, oder das eine Mal, als du im tiefen Wasser geschwommen bist und ein Delphin neben dir herschwamm. Das sind Bruchstücke. Zehn oder zwölf Sandkörner, eingestreut in dein gesamtes Dasein. Aber sie sind nicht dein Leben. Leben heißt Zähne putzen, ein Sandwich belegen, Nachrichten sehen, auf den Bus warten. Einen Spaziergang machen. Jeden Tag passieren tausend winzige Ereignisse, und wenn du nicht aufpasst, wenn du nicht vorsichtig bist, wenn du sie nicht einfängst und dafür sorgst, dass sie zählen, könntest du es verpassen. Könntest du dein ganzes Leben verpassen.


[Toni Jordan – Tausend kleine Schritte // hier]