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Fundstücke

Fundstück

Die Erkenntnis, nichts Besonderes zu sein, überfällt die meisten Menschen einmal in ihrem Leben, nicht selten gegen Ende der Schulzeit oder zu Beginn der Berufsausbildung, und die intelligenteren eher als die unintelligenten. Aber nicht alle leiden gleich stark darunter. Wer mit den Idealen des persönlichen Verdienstes, der Leistung, des Herausragens als Kind nicht ausreichend vertraut gemachten worden ist, wird das Bewusstsein blasser Durchschnittlichkeit vielleicht hinnehmen wie eine zu große Nase oder zu dünnes Haar. Andere wieder reagieren darauf mit den bekannten Fluchtbewegungen, die von exzentrischer Kleidung über exzentrisches Leben bis hin zur ehrgeizigen Suche nach einem Selbst reichen können, das im eigenen Innern vermutet wird wie ein prächtiger verborgene Schatz, welchen die gnädige Psychoanalyse auch dem letzten Trottel zugesteht. Und die Sensiblen reagieren mit einer Depression.

[Wolfgang Herrndorf – Sand // hier]

Fundstück

Du gehst tanzen, du triffst Freunde, du verliebst dich, und alles bleibt ein bisschen schal. Es wird sich richten. Später. Denkst du. […] Das Erwachsenwerden kommt nicht über Nacht. Mach dir keine Hoffnungen. Es kommt in kleinen Wellen. Die schwappen ab und zu in dein Leben und jede kleine Welle bringt eine traurige Ahnung mit sich. Die macht dich begreifen, dass dein Leben irgendwann zu Ende sein wird. Begreifen. Gewusst hast du es ja immer, aber auf einmal fühlst du, wie schnell die Zeit vergeht. Ein Jahr ist nichts, zwei Jahre und bin ich das da, auf jenem Bild? So fängt es an, mit dem Erwachsenwerden, und es tut weh, wie Zähne bekommen. Du merkst auf einen Schlag, dass sich nichts ändert. Du hast den Sinn der Veranstaltung immer noch nicht begriffen, das große Leben hat immer noch nicht begonnen, mit seinen dicken Gefühlen. Aber du hast den Tod erkannt. Und du begreifst, dass dir niemand etwas geben wird, niemand dein tolles Leben machen wird, außer dir selber, doch das ist so verdammt anstrengend, und nicht mehr viel Zeit, wo geht die nur hin? Aus den kleinen Wellen des Begreifens wird eine Sturmflut oder Springflut oder wie die Dinger heißen, die alles überschwemmen, danach wird ein Meer daraus. In dem schwimmst du und begreifst, wie klein du bist, wie nichts. Mit deinem netten Beruf, deiner netten Wohnung, mit deinen freundlichen Freunden, die alle heiraten und Kinder kriegen und dann sterben, und du weiß noch immer nicht, wie es gehen soll. Du wirst nicht viele Leben ausprobieren können, sondern nur das eine, für das du dich nicht einmal richtig entschieden hast, es war halt gerade da.

[Sibylle Berg – Theorie // hier]